Von Geschichten hören

Eines Abends trat ich in die kühle Herbstnacht und war aufgewühlt.

Ich hatte gerade im Schauspielhaus «Eine Winterreise» gesehen. Das Stück schildert eine Busreise von Schauspieler*innen durch Deutschland und die Schweiz, sie halten in Leipzig, Hamburg, Zürich. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien und Palästina und berichten von ihren ganz eigenen Erlebnissen. Im Theaterstück verbinden sich die einzelnen Orte im winterlich-kalten Deutschland mit den Berichten der geflüchteten Schauspieler*innen. Die persönlichen Geschichten waren spannend und berührend und eröffneten eine ganz andere Welt für mich. Wer seine Geschichte erzählt, gibt auch einen Teil von sich selbst mit. Ein wertvolles Geschenk, das ich an dem Abend irgendwie vergüten wollte, aber nicht konnte. Ich wollte auch ihnen von meinem Leben erzählen, sie an meinen eigenen Erlebnissen teilhaben lassen Auch in Zürich muss es viele Geschichten geben, die erzählt werden können. Ich fragte mich also: Welche Möglichkeiten haben Student*innen, in Kontakt mit Geflüchteten zu kommen? Wie können beide ihre Geschichten austauschen und gemeinsam wachsen?


In diesem Januar traf ich mich mit drei Sprachbegleitungspaaren in Zürich zu einem Interview. Diese sechs hätten unterschiedlicher nicht sein können: sie kommen aus Brasilien, Deutschland, Afghanistan, Syrien und aus der Schweiz, studieren jetzt oder bald Soziologie, Informatik, Sozialarbeit, Philosophie, Ingenieurgeodäsie. Aber bei allen spürte ich eine Neugierde, ein Willen zum Lernen und Verstehen, und ihre Geschichten, die sie mitbrachten.

Students Across Borders vermittelt seit letztem Jahr Sprachbegleitungen zwischen Studierenden der UZH – und bald auch ETH – und Menschen mit Fluchterfahrung. Immer ein*e Studierende*r unterstützt eine*n Geflüchtete*n beim Deutschlernen, beantwortet also Fragen, übt die Aussprache, das flüssige Sprechen oder erklärt Grammatik. Die Student*innen bieten damit die Schnittstelle zum Deutschunterricht, welchen die Geflüchteten im Programm oft besuchen, und zu den Hochschulen, an denen einige später studieren möchten.


Dieser Austausch wird von den Teilnehmer*innen geschätzt: Zia – er hat zwei Jahre in Afghanistan Informatik studiert und gerade ein Schnuppersemester an der UZH gemacht – betont, dass er in der Sprachbegleitung genau das fragen kann, was er nicht versteht: «In dem anderen Deutschkurs sind viele Leute und da können wir uns nicht auf ein Thema konzentrieren, das ich möchte. Hier bin ich aber die einzige Person.» Auch Malek, 25, und Mohammad, 21, schätzen es, dass sie mit diesem Projekt eine Insiderin in der deutschen Sprache an der Seite haben, die ihnen über die Stolpersteine helfen kann. Malek bereitet sich gerade auf die C1-Prüfung in Deutsch vor, damit er nachher Sozialarbeit in Luzern studieren kann. Für ihn ist es wichtig, dass er zusammen mit Xenia, 21, seine Aussprache trainieren kann.

Für die gebürtige Brasilianerin Johanna war das ausschlaggebende Moment der kulturelle Austausch. «Eine neue Person kennenzulernen, die Ziele hat, die wachsen möchte in der Schweiz, in der Sprache, die sich auch eingliedern möchte – diese Vorstellung fand ich spannend.» Dann fügt sie mit einem Lachen hinzu: «Und ich bin ja nicht in der Schweiz geboren, daher kann ich nachvollziehen, wie schwierig oder auch wie blöd die deutsche Sprache sein kann.» All die Probleme, die sich beim Sprachenlernen ergeben können, versteht sie aus einer Aussenperspektive und kann sie Mohammad vielleicht genau deshalb verständlich erklären.

Jemil, Doktorand in der Ingenieurgeodäsie an der ETH, weist noch auf einen ganz anderen Beweggrund hin: «Unabhängig davon, dass es Zia etwas nützt, bekomme ich ja auch etwas zurück. Das ist eine Win-win-Situation, weil ich mich auch immer vorbereiten muss. Dabei lerne ich nicht nur etwas über die Sprache, sondern auch wie man Material so aufbereitet, dass man es danach sinnvoll erklären kann. Deshalb glaube ich, dass ich so einiges an Soft Skills lerne. Das ist jetzt natürlich eine sehr utilitaristische Begründung, aber das ist auch nicht unerheblich für die Entscheidung gewesen.» Den letzten Satz sagt er mit einem Augenzwinkern und fügt dann hinzu, dass ihm die Treffen mit Zia natürlich in erster Linie Spass machen.

Zia, 27, Informatikstudent von Afghanistan und Jemil, 29, Doktorand in Ingenieurgeodäsie aus Deutschland.

Die sechs organisieren ihre Treffen auf verschiedene Weisen. Xenia und Malek trainierten im Sommer vor allem das flüssige Sprechen und die Aussprache und konzentrieren sich jetzt stärker auf die C1-Goetheprüfung, die Malek dieses Jahr absolvieren möchte. Dafür lösen sie gemeinsam alte Prüfungen oder Xenia erklärt ihm, welche Wörter in welchem Kontext benutzt werden. Grammatik ist nämlich sowieso nicht ihre Stärke: «Mein Deutsch ist mehr intuitiv, als dass ich Grammatikregeln beherrsche. Einmal, da hat Malek mich korrigiert – und er hatte einfach Recht! Es ist also ziemlich cool, dass genau wir zwei uns treffen. Ich glaube nämlich, Malek kann von dem Wissen, das ich habe, mehr profitieren, als jemand, der noch nicht so gut Deutsch kann.»


Jemil und Zia wiederum lesen gemeinsam und erarbeiten so neuen Wortschatz; das kann dann auch mal ein Comicbuch oder eine Werbung von einem Detailhändler sein. «Bei vielen Alltagsgegenständen kann man die Hälfte der Wörter erraten, weil man weiss, in welchem Kontext sie stehen.», erklärt mir Jemil. «Und deshalb habe ich immer versucht, Sachen zu finden, die nicht alleine als Text dastehen, sondern bei denen man viele der Zusammenhänge logisch erraten kann. Da lernt man nicht nur etwas über die Sprache, sondern auch über die Gesellschaft, aus der das Produkt kommt, das man sich gerade anschaut.»

Der Unterricht kann aber auch ganz klassisch ablaufen: Johanna und Mohammad arbeiten zum Beispiel zusammen ein Deutschlehrbuch für das Niveau B2 durch. «Am Anfang haben wir ein paar Wochen lang Texte gelesen und damit gearbeitet. Und dann haben wir mit dem Buch angefangen und jetzt will ich dieses Buch fertig machen», fasst Mohammad zusammen. Als zusätzliche Hürde beim Lehrbuch stellten sich die vielen verschiedenen Themen heraus, die Teile der Lektionen sind. Mohammad betont das vielfältige Lernvokabular und das vorausgesetzte Hintergrundwissen im Buch: «Ich kann auch nicht gut sprechen, weil ich immer wieder nach Informationen suchen muss und mich deswegen nicht nur auf die Sprache konzentrieren kann.»

Johanna, 25, Soziologie- und Erziehungswissenschaftenstudentin und Mohammad, 21, aus Afghanistan.

Didaktische Kompetenz wird im Übrigen nicht vorausgesetzt; zum Glück, liess mich Johanna wissen. Sie hatte davor gar keine Erfahrung im Unterrichten und war deswegen froh, dass sie den Crashkurs am Anfang besuchen und einige Ideen sammeln konnte. «Das Wichtigste im Kurs war aber zu hören, dass das kein Sprachunterricht ist, sondern nur eine Begleitung, und wir nicht die Verpflichtung haben, einen Unterricht zu gestalten.» Die Deutschlernenden geben ihre Wünsche vor und die Studierenden orientieren sich an diesen; das Ganze ist also eher Nachhilfe als Deutschunterricht.

Die Sprachbegleitung muss auch nicht nur innerhalb der Mauern der Universität stattfinden. Zum Beispiel verabredeten sich Zia und Jemil einmal beim einen, einmal beim anderen zum Abendessen und sprachen am Esstisch zusammen Deutsch. Oder dann tauschten sich beide an einem Kochabend von Students Across Borders mit anderen Geflüchteten und Studierenden aus. Xenia und Malek wiederum lösen die Deutschübungen auch mal bei einer Tasse Kaffee im Café Lang am Limmatplatz.


Jemil konnte sich nicht nur die Soft Skills darüber aneignen, wie er am besten Material für den Unterricht aufarbeitet, sondern sieht jetzt auch die deutsche Sprache aus einem anderen Blickwinkel. «Zia hat ja Informatik studiert; er ist also relativ gut, was Logik angeht. Ich habe gelernt, die Strukturen, die man in der Sprache findet, einigermassen logisch zu erklären. Das ist etwas, bei dem wir beide einen gemeinsamen Nenner gefunden haben.» Die Sprache mit all ihren Ausnahmen und Unregelmässigkeiten als ein logisch aufgebautes Konstrukt zu beschreiben, mag paradox klingen, doch Jemil versucht es trotzdem: «Ich kann jetzt Sachen einfacher erklären, mit weniger Voraussetzung. Ich versuche Zia alles mit einer logischen Darstellung zu vermitteln.»

Xenia, 21, Soziologie- und Philosophiestudentin aus Luzern und Malek, 25, angehender Student der Sozialarbeit aus Syrien.

Alle sechs haben sich im Verlauf des halben Jahres näher kennengelernt und ziehen ein positives Fazit. «Seit ich mich mit Malek treffe, habe ich das Gefühl, dass ich ein grösseres Verständnis für die Situation der Geflüchteten habe», erklärt Xenia. «Davor war es eher ein politisches Thema, für das ich mich interessierte, aber ich hatte keinen Kontakt mit einer betroffenen Person. Ich finde es schön zu wissen, dass Malek jetzt ein Freund von mir ist. Es ist wichtig, dass man Geschichten wie die von Malek mehr hört. Ich finde das so beeindruckend, wie ambitioniert er ist und wie schnell er Deutsch gelernt hat.» Auch Malek stimmt ihr zu: «Das ist genau der Punkt. Viele Schweizer haben von uns keine Ahnung und dank diesem Projekt wissen sie, welche Schwierigkeiten wir hier haben. Das finde ich sehr wichtig.»


Auch ich war beeindruckt von den Deutschlernenden und ihren Begleiter*innen, mit denen ich gesprochen habe. Ich spürte die Neugierde und die Motivation, die alle mitbrachten, und die Freundschaften, die durch die Sprachbegleitung entstanden sind. Ich hatte es gefunden: Die Student*innen in Zürich können also bei einer Sprachbegleitung ihre Geschichten mit den Geschichten der Geflüchteten austauschen. Gemeinsam lernen sie nicht nur Deutsch, sondern viel mehr, dass sich nicht mit Sprachprüfungen messen lässt. Sie stehen nicht so ratlos da wie ich in jener Herbstnacht.


Students Across Borders sucht im Frühlingssemester 2018 wieder nach interessierten und motivierten Studierenden und Geflüchteten, die beim 1:1-Deutschprojekt teilnehmen möchten.

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